Totgesagte leben lang

Neckarbischofsheim, den 16.10.2012

zum 110. Geburtstag der Krebsbachtalbahn

 

Am 16. Oktober 2012 feiert die Krebsbachtalbahn ihren 110. Geburtstag. Es ist der Tag, an dem der erste planmäßige Zugbetrieb erfolgte. Gleichzeitig erinnert er an eine wechselvolle Geschichte, auf die die Bahn zurückblicken kann. Im Verlauf ihres Bestehens gab es immer wieder Überlegungen, die Strecke einzustellen. Schon beim 25jährigen Jubiläum machte man sich wegen der mangelnden Wirtschaftlichkeit der Strecke so seine Gedanken. Und auch heute stehen wir wieder vor der Frage, ob denn der noch verbliebene sonntägliche Ausflugsverkehr weiter bestehen bleibt.

Wenn wir über den Geburtstag unserer Krebsbachtalbahn reden, müssen wir natürlich auch einen Blick in die Zeit werfen, als man beschloss, die Strecke zu bauen.

Es war eine Zeit, als man den Begriff des "öffentlichen Nahverkehrs" noch nicht kannte. Wer in die Nachbargemeinde wollte tat dies gewöhnlich zu Fuß. Mit etwas Glück fand man ein Pferdefuhrwerk, das dem gleichen Ziel zustrebte.

Im Vergleich zu den anderen Krebsbachtalgemeinden war Neckarbischofsheim ganz gut dran, gab es doch seit 1862 den Haltepunkt "Neckarbischofsheim – Nord" und damit einen Bahnanschluss an die "große weite Welt".

Doch Bad Rappenau benötigte für sein Salz einen Transportweg und auch die Steinbrüche im Krebsbachtal suchten nach Beförderungsmöglichkeiten. Darum gab es schon 1862 Überlegungen von Waibstadt über Neckarbischofsheim nach Bad Rappenau eine Pferdebahn zu bauen. Für das kurze Stück wäre eine Dampflokomotive viel zu teuer geworden. Im badischen Handelsministerium in Karlsruhe wurden für die Stichbahn 454.000 Gulden im Bahnbudget bereitgestellt. Als die Pläne öffentlich wurden, gab es Petitionen der Elsenztalgemeinden, die darauf hinwiesen, dass mit einer Strecke Meckesheim – Sinsheim – Bad Rappenau ein wesentlich größerer Wirtschaftsraum erschlossen werden könne.

Das Ergebnis der Petition war der Bau der Eisenbahnlinie Meckesheim – Bad Rappenau im Jahre 1868. Als Ersatz für die nicht gebaute Pferdebahn wurde im gleichen Jahr eine Pferdepost - Omnibuslinie zwischen Waibstadt und Bad Rappenau eingerichtet. Damit gab es fortan auch die Möglichkeit, den Zug in Babstadt zu erreichen. Interessant ist vielleicht, dass es damals schon Klagen über die Unpünktlichkeit der Kutsche und wegen verpasster Zuganschlüsse gab.

Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wurde der Wunsch auf eine Bahnlinie nach Bad Rappenau aufrecht erhalten. Schließlich war es Bürgermeister und Landtagsabgeordneter Heinrich Neuwirth dem es zielstrebig über 5 Jahre hinweg gelang, dass die Bahn 1902 dann doch gebaut wurde.

Allerdings gab es eine kleine, aber entscheidende Änderung in der Planung. Ursprünglich sollte die Bahnlinie über Obergimpern nach Bad Rappenau und ein weiterer Zweig von Obergimpern nach Hüffenhardt geführt werden. Auf den Anschluss nach Bad Rappenau wurde aber verzichtet und es kam zu der bekannten Trasse. Schon damals rätselte man darüber warum? Eine befriedigende Antwort wurde bis heute nicht gefunden. Vielleicht lag es doch daran, dass der Güterverkehr nach "Baden" gelenkt werden sollte und nicht in das nahegelegene Württemberg, das damals noch als "Ausland" behandelt wurde. Bis zum gemeinsamen Bundesland sollte es noch 50 Jahre dauern.

Zum Bau der Bahn steuerten die Gemeinden insgesamt 220.000 Mark bei. Der Grunderwerb erfolgte ebenfalls über die Kommunen und wurde dem Großherzogtum kostenlos zur Verfügung gestellt. Nicht jeder war erfreut, dass die Bahnlinie gebaut wurde. Gerade in Unter- und Obergimpern gab es heftigen Widerstand. Schließlich führten die Gleise mitten durch den Ort. Scheunen mußten abgerissen und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Und auch der Pfarrgarten der evangelischen Kirchengemeinde Obergimpern wurde in der Mitte durchtrennt. Kein Wunder also, dass es den einen oder anderen Prozess gab. Bei 48 Grundstückseigentümern wurde ein förmliches Enteignungsverfahren durchgeführt.

Am 15. Oktober 1902 wurde die Strecke dann feierlich eröffnet. Ein festlich geschmückter Zug brachte die honorigen Gäste von Station zu Station. Unter Ihnen war auch der Landeskommissär Pfisterer aus Mannheim, heute würde man ihn vermutlich Regierungspräsident nennen. Überall wurden die Gäste von großen Volksmengen begrüßt, Schüler sangen Lieder und die unvermeidlichen Reden wurden gehalten. An einem Haltepunkt kam es zu einer peinlich-lustigen Situation. In seiner wohl formulierten Rede kam der Bürgermeister zum Stocken, just, als er das Klagelied über die enorme Schuldenlast durch den Bahnbau lamentieren wollte. Ein Bürgermeisterkollege sprang in die Presche und meinte: "Der Kollege wollte sicherlich sagen: Die Gemeinde lebe hoch, hoch, hoch." Womit die Situation gerettet war.

Am Ende der Jubiläumsfahrt ging es in Hüffenhardt in festlichem Umzug ins Gasthaus "zur Sonne", wo bei einem "Gabelfrühstück" Landeskommissär Pfister, Bürgermeister Sigmann und der als "Eisenbahnpfarrer" bekannte Ortsgeistliche Ernst Friedrich Mickel ihrer Freude über den Bau Ausdruck verliehen.

Wieder in Neckarbischofsheim zurück traf man sich im "Drei König" zum Festessen. Das anschließende Festbankett wurde bei "Fränznik" abgehalten. Mancher "Gehrock" soll schon lange vor Ende der Feierlichkeiten nicht mehr "richtig gesessen" haben. Kurzum, es wurde ordentlich gefeiert.

Wesentlich stiller verlief da das 25jähringe Jubiläum am 15.10.1927. Die älteren Bahnbeamten bekamen eine Gratifikation. In den Zeitungen erschienen einige kurze Berichte. Das war alles.

Im Herbst 1931 geht die BLEAG, die Betriebsgesellschaft für die Bahnstrecke in Konkurs. Trotz finanzieller Beteiligung des Kreises Heidelberg und der anliegenden Kommunen konnte die Insolvenz nicht abgewendet werden. Im Jahresschnitt wurden 40.000 Personen und 20.000 to Expressgut transportiert.

Nachfolger der BLEAG wurde die Deutsche Eisenbahnbetriebsgesellschaft DEBG mit Sitz in Berlin.

Zunächst hatte es auch die DEBG schwer. Doch es gab zwei Entwicklungen, die der Bahn neues Leben einhauchten.

Einmal wurde 1938 von den Portland-Zementwerken das ehemalige Kalkwerk Blumenthal in Obergimpern übernommen, was das Güteraufkommen auf 32.000 t steigerte. Und es wurde als zweites 1939 mit dem Bau der Heeres-Munitions-Anstalt (HMA) Siegelsbach begonnen, für die die Bahn das Baumaterial herbeischaffte. Im Jahre 1944 schließlich erhält die "MUNA" ihren eigenen Gleisanschluss.

Ein Bombenangriff im Februar 1945 richtet im MUNA-Gelände größeren Schaden an. Trotz der Verwüstung der Anlagen sind nur wenige Todesopfer zu beklagen – der Angriff erfolgte an einem Sonntag, an dem nicht gearbeitet wurde.

Nach dem Krieg war es das Depot, das den Bestand der Bahnlinie weiter sicherte. Ein Großteil des Materials, darunter Fahrzeuge und Panzer, wurden auf der Schiene transportiert.

Auch der Schülerverkehr zum Gymnasium in Neckarbischofsheim und der Realschule in Waibstadt sorgt in den 60iger Jahren für einen erhöhten Personenverkehr. Stark rückläufig ist aber im gleichen Zeitraum das Frachtaufkommen. Bis zum Jahre 2000 sinkt es auf gerade mal 9.200 to.

Am 1. Mai 1963 übernimmt die Südwestdeutsche Eisenbahn GmbH (SWEG) mit Sitz in Ettlingen, die Bahnstrecke von der DEBG.

Nach der Übernahme ist der weitere Verlauf durch stetige Modernisierung der Anlagen gekennzeichnet. Neu, lichtzeichenüberwachte Bahnübergänge werden eingerichtet, moderne Dieselfahrzeug angeschafft.

Ein Ereignis der jüngeren Geschichte sei besonders herausgehoben.

Im Jahre 1985 wurde Ehrenhard Hübel von der SWEG ausgezeichnet. Manch einer kennt ihn vielleicht noch als Pressefotograf für die Zeitung. Dieser Ehrenhard Hübel fuhr in der Zeit von 1938 bis zu seiner Pensionierung 1985 jeden Tag mit der Bahn zur Arbeit nach Heidelberg bzw. Mannheim. Die Bahngesellschaft hat ausgerechnet, dass er dabei 1.200.000 km zurück gelegt hat. Das entspricht dem 28 fachen Erdumfang. Leider war Ehrenhard Hübel ein Einzelfall, denn bis zur Einstellung des Personenverkehrs im August 2009 waren es nur noch Schüler, die nach Neckarbischofsheim ans Gymnasium gebracht wurden.

Ab dem Jahre 2010 wurde auf der Krebsbachtalbahn von Mai bis Oktober ein sonntäglicher Ausflugsverkehr mit historischem Fahrzeug eingerichtet. Die Besucherzahlen sind durchaus erfreulich, werden doch jeden Fahrtag rund 200 Personen befördert. Gerade die Gastronomie der Region merkt dies positiv. In diesem Jahr war zu beobachten, dass insbesondere Wandergruppen das Angebot dankbar angenommen haben. Es gibt aber auch treu Kunden, die immer wieder den Sonntag für eine kleine Bummelfahrt durch das liebliche Krebsbachtal nutzen.

Der Förderverein, der sich zum Erhalt der Krebsbachtalbahn gegründet hat arbeitet sehr intensiv daran, dass sich ein neuer Betreiber für die Strecke findet. Die Aussichten sind zur Zeit gut, so dass man im Verein auch für 2013 mit einem unveränderten Fahrbetrieb im Krebsbachtal rechnet. Und natürlich hofft man auch den 120. Geburtstag feiern zu können.